Sport
06.07.2011

"Im Davis Cup ganz klarer Außenseiter"

Boris' Kolumne auf bb.tv: Der Wimbledon-Champ erklärt die Misserfolge der DTB-Herren, lobt Lisicki & Co. und schreibt Roger Federer längst noch nicht ab.

Boris-Wimbledon-1985

Boris Becker ist noch immer der jüngste Wimbledon-Champion aller Zeiten © getty


Liebe Leser,

Wimbledon 2011 ist schon wieder Geschichte, dafür steht der Davis Cup vor der Tür! Es ist ein toller Erfolg, dass das DTB-Team wieder einmal in einem Viertelfinale steht. Und wir haben Heimvorteil. Man wählt den Belag, die Bälle, den Ort. Somit könnten Florian Mayer, Philipp Petzschner, Philipp Kohlschreiber und Christopher Kas den Franzosen um Jo-Wilfried Tsonga, Gael Monfils, Richard Gasquet und Michael Llodra in Stuttgart Paroli bieten.

Aber wenn man die nackten Resultate sieht, dann sind wir ganz klarer Außenseiter. Nur im Doppel sehe ich Kas/Petzschner in der Favoritenrolle. Die Frage lautet: Wer holt am Freitag einen Punkt, damit es spannend bleibt. Ich traue es dem DTB-Team zu, dass das Duell erst am Sonntag entschieden wird.

In Wimbledon haben die deutschen Herren enttäuscht. Nach wirklich guten Ergebnissen in Halle konnten Petzschner, Kohlschreiber und auch Mayer ihre Form nicht halten. Das Aus kam sehr früh! Sie sind jedenfalls nicht so nah an der Weltspitze wie die deutschen Damen.

Ich glaube nicht, dass es eine Frage des Talents ist, sie haben genügend Talent für die Top 20 oder besser, aber offenbar liegen die Grand Slams auf der Prioritätenliste der deutschen Herren nicht ganz oben. Ihnen ist egal, wo sie ihre Punkte für die Weltrangliste sammeln. Das ist, wenn man ganz nach oben will, der falsche Ansatz.

Zu meiner Zeit genossen die Grand Slams absolute Priorität in der Turnierplanung. Und das ist eigentlich bei den Topspielern heute noch genauso, nur möglicherweise bei den deutschen Spielern nicht. Mein Eindruck ist, dass sie ein deutsches Turnier mehr in den Fokus rücken, es wird womöglich auch mehr Motivation daraus gezogen.

Lasse ich die Ergebnisse der letzten zehn Grand Slams Revue passieren, scheint es, dass die Extraportion Motivation nicht vorhanden ist. Was ich aber von den deutschen Herren bei normalen Turnieren erlebe, ist Weltklassetennis, aber nicht unbedingt bei den großen Turnieren.

Im Rückblick auf zwei spannende Wimbledon-Wochen fällt mir natürlich Sabine Lisicki ein. Sie sorgte mit ihrem Halbfinale für ein tolles deutsches Ergebnis. Die deutschen Damen haben in den letzten sechs Monaten einfach fantastische Resultate abgeliefert. Ob das nun Lisicki, Julia Görges oder Andrea Petkovic sind, alle drei sind weltklasse!

Der absolute Höhepunkt war natürlich das mit Spannung erwartete Herrenfinale zwischen Novak Djokovic und Rafael Nadal. Es gab einfach keinen klaren Favoriten. Auf der einen Seite Djokovic, der Spieler des Jahres, die neue Nummer eins, egal wie das Spiel ausgeht. Und auf der anderen Seite Titelverteidiger Nadal, der das letzte Mal 2007 ein Match in Wimbledon verloren hatte. Es gab Argumente für beide Seiten. Ein Plus, das vielleicht für den Serben sprach: Er hatte die letzten vier Finals gegen Nadal gewonnen – Rom und Madrid sogar auf Sand.

Viele tippten also auf Nadal, den Experten war jedoch klar: Djokovic spielt zurzeit einfach das bessere Tennis. Ich habe das Match schließlich in der Kommentatorenkabine der BBC erlebt. Es war eine großartige Leistung von Novak Djokovic. Er ist der absolut verdiente Sieger und krönt seine sensationelle Bilanz in diesem Jahr: 48 Siege bei nur einer Niederlage. Unglaublich!

Der Wechsel an der Spitze der Weltrangliste ist eine Wachablösung. Djokovic hat dank dieser Wahnsinnsbilanz und zweier Grand-Slam-Titel so viele Punkte Vorsprung , das kann er bis zum Ende des Jahres nicht mehr verspielen. Spannend wird es, wenn er 2012 all diese Punkte verteidigen muss.

Die Überraschung des Turniers war das frühe Aus von Roger Federer gegen Jo-Wilfried Tsonga. Der Schweizer hat hier immerhin schon sieben Mal gewonnen. Außerdem führte er in diesem Match schon mit 2:0 Sätzen. Aber so knapp geht es eben im Herrentennis heutzutage zu, die etwas jüngeren Spieler streben nach vorn. Wenn da mal einer der Favoriten nicht ganz bei der Sache ist, dann kann es ganz schnell vorbei sein. Tsonga ist mit seinem starken Aufschlag und der mächtigen Vorhand einfach prädestiniert für Rasen. Gegen seine Power hat Federer keine Antwort mehr gefunden.

Ich schreibe Roger Federer aber noch nicht ab. Er kann noch Grand-Slam-Titel gewinnen, davon bin ich überzeugt. Aber die Zeit läuft gegen ihn und er muss sich deutlich mehr anstrengen als früher, um überhaupt in ein Viertel- oder Halbfinale zu kommen.

Ihr Boris Becker

Boris Becker gewann im Laufe seiner Karriere 50 Turniere im Einzel und 15 Titel im Doppel. Zwölf Wochen stand er in der Weltrangliste ganz oben – und löste gemeinsam mit Steffi Graf einen wahren Tennis-Boom in Deutschland aus © getty

1985 wurde Becker bereits Juniorweltmeister und feierte seinen ersten Turniersieg in London, als er im Finale Johan Kriek mit 6:2 und 6:3 besiegte © getty

Seinen internationalen Durchbruch aber schaffte Becker drei Wochen später in Wimbledon… © getty

…als er sich bis ins Finale durchkämpfte und zur grenzenlosen Überraschung der Tenniswelt Kevin Curren in vier Sätzen mit 6:3, 6:7, 7:6 und 6:4 besiegte © getty

A winner was born: Mit seinem Sieg stellte der erst 17-jährige Becker gleich drei Rekorde auf: Als erster ungesetzter Spieler, als erster Deutscher und als jüngster Sieger heimste er seinen ersten Grand-Slam-Titel ein © getty

Doch die bange Frage, die nicht nur Becker selbst, sondern auch die Tennisszene beschäftigte: War das nur eine Eintagsfliege? Ein One-Hit-Wonder? Ein Zufallstreffer? © getty

Mitnichten! Becker besiegt in Cincinnati Mats Wilander und in Chicago Ivan Lendl. Dann steht wieder das Rasenturnier in Wimbledon an: Im Finale trifft Becker erneut auf Lendl – und gewinnt seinen zweiten Grand-Slam-Titel (6:4, 6:3, 7:5) © getty

1987 liefert sich Becker mit John McEnroe (Bild) beim Daviscup-Spiel im amerikanischen Hartford ein wahres Marathon-Match. Nach sechs Stunden und 21 Minuten besiegte der deutsche Jungspund den Altmeister © getty

Ein Jahr später verliert Becker das Wimbledon-Finale gegen Stefan Edberg, gewinnt aber sieben Turniere, darunter den späteren Masters Cup. Auch der Davis Cup geht unter Beckers Führung zum ersten Mal an ein deutsches Team © getty

1989 schafft es Becker bei den French Open ins Halbfinale, gewinnt in Wimbledon und als bisher einziger Deutscher bei den US Open. Auch die Titelverteidigung beim Davis Cup klappt. Steffi Graf gewinnt zum zweiten Mal Wimbledon © getty

1990 wird Becker im Wimbledon-Finale von Stefan Edberg geschlagen, kann aber fünf Titel gewinnen, darunter das Stuttgart-Indoor-Turnier. Außerdem wird der 23-Jährige zum vierten Mal zum Sportler des Jahres gewählt © getty

In die Saison 1991 startet Becker mit seinem fünften Grand-Slam-Titel. Im Finale der Australian Open besiegt der Deutsche Ivan Lendl in vier Sätzen © getty

Einziger Wermutstropfen: Die French Open sind das einzige Grand-Slam-Turnier, das Becker nie gewinnen konnte. Auch 1991 scheitert er wie schon 1987 und 1989 im Halbfinale © getty

Aber er steht 1991 wieder im Wimbledon-Finale – diesmal wartet Michael Stich (r.). Und das Überraschende passiert: Becker verliert in drei Sätzen © getty

Ein Jahr später nehmen Becker und Stich als Doppel an den Olympischen Spielen in Barcelona teil – und gewinnen die Goldmedaille © getty

Auch den Masters Cup gewinnt Becker 1992 – und feiert am 22. November seinen 25. Geburtstag © getty

1994 gewinnt Becker die Turniere in Mailand, Los Angeles, New Haven und Stockholm © getty

1995 kämpft sich Becker erneut bis ins Wimbledon-Finale durch, doch scheitert er an Pete Sampras © getty

Der US-Amerikaner besiegt ihn in vier Sätzen mit 6:7, 6:2, 6:4 und 6:2 © getty

Doch der Liebe der Fans zu ihrem Boris tut das keinen Abbruch © getty

1996 gewinnt Becker die Australian Open zum zweiten Mal nach 1991… © getty

…und seine Fans… © getty

…liegen ihm zu Füßen © getty

1997 wird Boris Becker zum Teamchef der Davis-Cup-Mannschaft gewählt. Am 25. Juni 1999 verabschiedet er sich vom aktiven Sport. Eine große Karriere geht zuende… © getty



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