
Boris Becker ist noch immer der jüngste Wimbledon-Champion aller Zeiten © getty
Liebe Leser,
Wimbledon 2011 ist schon wieder Geschichte, dafür steht der Davis Cup vor der Tür! Es ist ein toller Erfolg, dass das DTB-Team wieder einmal in einem Viertelfinale steht. Und wir haben Heimvorteil. Man wählt den Belag, die Bälle, den Ort. Somit könnten Florian Mayer, Philipp Petzschner, Philipp Kohlschreiber und Christopher Kas den Franzosen um Jo-Wilfried Tsonga, Gael Monfils, Richard Gasquet und Michael Llodra in Stuttgart Paroli bieten.
Aber wenn man die nackten Resultate sieht, dann sind wir ganz klarer Außenseiter. Nur im Doppel sehe ich Kas/Petzschner in der Favoritenrolle. Die Frage lautet: Wer holt am Freitag einen Punkt, damit es spannend bleibt. Ich traue es dem DTB-Team zu, dass das Duell erst am Sonntag entschieden wird.
In Wimbledon haben die deutschen Herren enttäuscht. Nach wirklich guten Ergebnissen in Halle konnten Petzschner, Kohlschreiber und auch Mayer ihre Form nicht halten. Das Aus kam sehr früh! Sie sind jedenfalls nicht so nah an der Weltspitze wie die deutschen Damen.
Ich glaube nicht, dass es eine Frage des Talents ist, sie haben genügend Talent für die Top 20 oder besser, aber offenbar liegen die Grand Slams auf der Prioritätenliste der deutschen Herren nicht ganz oben. Ihnen ist egal, wo sie ihre Punkte für die Weltrangliste sammeln. Das ist, wenn man ganz nach oben will, der falsche Ansatz.
Zu meiner Zeit genossen die Grand Slams absolute Priorität in der Turnierplanung. Und das ist eigentlich bei den Topspielern heute noch genauso, nur möglicherweise bei den deutschen Spielern nicht. Mein Eindruck ist, dass sie ein deutsches Turnier mehr in den Fokus rücken, es wird womöglich auch mehr Motivation daraus gezogen.
Lasse ich die Ergebnisse der letzten zehn Grand Slams Revue passieren, scheint es, dass die Extraportion Motivation nicht vorhanden ist. Was ich aber von den deutschen Herren bei normalen Turnieren erlebe, ist Weltklassetennis, aber nicht unbedingt bei den großen Turnieren.
Im Rückblick auf zwei spannende Wimbledon-Wochen fällt mir natürlich Sabine Lisicki ein. Sie sorgte mit ihrem Halbfinale für ein tolles deutsches Ergebnis. Die deutschen Damen haben in den letzten sechs Monaten einfach fantastische Resultate abgeliefert. Ob das nun Lisicki, Julia Görges oder Andrea Petkovic sind, alle drei sind weltklasse!
Der absolute Höhepunkt war natürlich das mit Spannung erwartete Herrenfinale zwischen Novak Djokovic und Rafael Nadal. Es gab einfach keinen klaren Favoriten. Auf der einen Seite Djokovic, der Spieler des Jahres, die neue Nummer eins, egal wie das Spiel ausgeht. Und auf der anderen Seite Titelverteidiger Nadal, der das letzte Mal 2007 ein Match in Wimbledon verloren hatte. Es gab Argumente für beide Seiten. Ein Plus, das vielleicht für den Serben sprach: Er hatte die letzten vier Finals gegen Nadal gewonnen – Rom und Madrid sogar auf Sand.
Viele tippten also auf Nadal, den Experten war jedoch klar: Djokovic spielt zurzeit einfach das bessere Tennis. Ich habe das Match schließlich in der Kommentatorenkabine der BBC erlebt. Es war eine großartige Leistung von Novak Djokovic. Er ist der absolut verdiente Sieger und krönt seine sensationelle Bilanz in diesem Jahr: 48 Siege bei nur einer Niederlage. Unglaublich!
Der Wechsel an der Spitze der Weltrangliste ist eine Wachablösung. Djokovic hat dank dieser Wahnsinnsbilanz und zweier Grand-Slam-Titel so viele Punkte Vorsprung , das kann er bis zum Ende des Jahres nicht mehr verspielen. Spannend wird es, wenn er 2012 all diese Punkte verteidigen muss.
Die Überraschung des Turniers war das frühe Aus von Roger Federer gegen Jo-Wilfried Tsonga. Der Schweizer hat hier immerhin schon sieben Mal gewonnen. Außerdem führte er in diesem Match schon mit 2:0 Sätzen. Aber so knapp geht es eben im Herrentennis heutzutage zu, die etwas jüngeren Spieler streben nach vorn. Wenn da mal einer der Favoriten nicht ganz bei der Sache ist, dann kann es ganz schnell vorbei sein. Tsonga ist mit seinem starken Aufschlag und der mächtigen Vorhand einfach prädestiniert für Rasen. Gegen seine Power hat Federer keine Antwort mehr gefunden.
Ich schreibe Roger Federer aber noch nicht ab. Er kann noch Grand-Slam-Titel gewinnen, davon bin ich überzeugt. Aber die Zeit läuft gegen ihn und er muss sich deutlich mehr anstrengen als früher, um überhaupt in ein Viertel- oder Halbfinale zu kommen.
Ihr Boris Becker